Infrastrukturen des kollektiven Gedächtnisses. Aktanten des Globalisierungsprozesses und ihr Einfluss auf die deutsche und polnische Erinnerungskultur

Die Forschung betont häufig die Bedeutung sozio-politischer Faktoren auf die Entwicklung von Erinnerungskulturen. Allerdings wird dabei der Einfluss infrastruktureller Bedingungen auf die Gestaltung der Vergangenheitsbilder verkannt. Damit können z.B. die Struktur- und Finanzierungsrahmen von kulturellen Produktionen gemeint sein, aber auch technische oder umweltbedingte Faktoren. Aufgrund der sich beschleunigenden Globalisierungsprozesse dürfen unserer Ansicht nach die Entwicklung und Wechselwirkung der Erinnerungskulturen in Deutschland und Polen nicht jenseits des breiteren europäischen und globalen Wandels der Geschichtskultur betrachtet werden. Dieser wird u.a. durch technologische und strukturelle Veränderungen von Kultureinrichtungen, (soziale) Medien und Massentourismus sowie die Erinnerungspolitik der EU und anderer transnationaler Akteure bestimmt.
Das Projekt betrachtet den Wandel deutscher und polnischer Erinnerungskulturen in einem breiteren internationalen Kontext. Ziel ist es, global geprägte Netzwerke und Infrastrukturen zu beleuchten, die der Entwicklung der Erinnerungskulturen in beiden Ländern zugrunde liegen. Dies bedeutet die Berücksichtigung der Rolle menschlicher und nicht-menschlicher Aktanten, also sowohl der sozialen Akteure, als auch der materiellen Objekte und Bedingungen, die die Produktion von Wissen und Kultur beeinflussen. Im Fokus liegen Kunst- und Geschichtsausstellungen, womit der wachsenden Rolle dieses Mediums für die Prägung der öffentlichen Wahrnehmung von Geschichte Rechnung getragen wird.
Modul 1 (Agnieszka Rejniak-Majewska, Tomasz Załuski, Seda Segoyan): Untersuchungsgegenstand sind hier fünf Kunstausstellungen, die sich mit deutsch-polnischen Beziehungen, insbesondere im Kontext des Zweiten Weltkrieges, der Shoah und der Zwangsmigrationen der direkten Nachkriegszeit auseinandersetzen. Die Ausstellungen werden im Sinne der exhibition histories untersucht. Anhand ihres Entstehungsprozesses wird der Einfluss von infrastrukturellen Bedingungen, d.h. physischen Eigenschaften von Objekten, Ausstellungsräumen, Technik, konservatorischen Standards, rechtlichen Regelungen, Mechanismen der Verwaltung und Finanzierung usw., auf die Gestaltung von Kunstaustellungen beschrieben.
Modul 2 (Izabela Paszko, Zofia Hartmann): Modul 2 analysiert historische Ausstellungen in Deutschland und Polen, mit besonderer Berücksichtigung von Ausstellungen in historischen Gedenkstätten. Wir untersuchen nicht offensichtliche Faktoren, die diese Ausstellungsnarrative prägen, wie z.B. ihre natürliche Umgebung, Bautechnologien und Verwaltungsstrukturen. Wir konzentrieren uns auf kürzlich eröffnete oder kürzlich veränderte Orte, um die Aspekte der Globalisierung innerhalb der Erinnerungskulturen zu erfassen.
Modul 3 (Magdalena Saryusz-Wolska, Juliane Tomann): Hier wird untersucht, wie audiovisuelles Material in vier Geschichts- und zwei Kunstausstellungen in Polen und Deutschland eingesetzt wird, die den Themen Krieg, Besatzung und Nachkriegsmigration gewidmet sind. Darüber hinaus wird im Rahmen dieses Moduls der Einsatz immersiver, digitaler Technologien erforscht. Dadurch soll die Auswirkung infrastruktureller Bedingungen und globaler Technologien auf die Konstruktion von medialisierten Ausstellungsnarrativen ermittelt werden.



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